Tourismus ist ein Geschäft. Als solches folgt er auf dem Markt den Gesetzmäßigkeiten von Angebot und Nachfrage. Bezogen auf das Gebiet unserer Maßnahmen in der Region des oberen Nam Ou besteht das touristische Angebotspotential aus den abgelegenen Dörfern und der Kultur der dort lebenden Ethnien der Hmong und Khmu sowie den mit einem dortigen Besuch verbundenen diversen Aktivitäten. Die Bewohner der oft vereinzelt und in großer Entfernung voneinander gelegenen Dörfer leben auf subsistenzwirtschaftlicher Grundlage vom Trockenreisanbau, unterstützt von Viehzucht und dem Sammeln von Waldfrüchten. Das kürzlich erlassene Verbot der jahrzehntelang praktizierten Brandrodung verschärft die Lebensbedingungen wesentlich, so dass Angebote von zusätzlichen Einnahmequellen auf großes Interesse stoßen. Eine Möglichkeit dazu besteht für die Dörfer als Partner bei touristischen Projekten des „Community Based Ecotourism" CBET.
Der Gedanke dahinter ist nicht neu; gemeindenaher Tourismus mit dem Ziel einer win-win Situation für alle Beteiligten wird in verschiedenen Erdteilen bereits veranstaltet, auch in Asien - mit unterschiedlichem Erfolg.
Das zugrunde liegende Prinzip ist meistens dasselbe: Zwischen Angebot (Ressourcen vor Ort) und Nachfrage (touristische Bedürfnisse) kommt es über eine professionelle Vermittlung (Reiseagentur) zu einem Geschäft. Damit das funktioniert, müssen allerdings einige Voraussetzungen gegeben sein.
Naturgemäß besteht zunächst ein beträchtliches Informationsgefälle zwischen den Profis (Reiseagentur) und der Dorfbevölkerung. Diese ist zwar stark am Verkauf von Dienstleistungen an Touristen interessiert, hat jedoch weder Kenntnisse vom Marktwert noch von dem, was von ihnen erwartet wird. Erschwerend wirken sich dazu die Sprachbarrieren aus: Khmu und Hmong sind völlig eigenständige Sprachen, die sich nicht nur vom Laotischen, sondern auch untereinander grundsätzlich unterscheiden. Alle Kommunikation findet über Dritte als Sprachmittler statt. Die Ausgangslage für eine Geschäftsbeziehung ist also extrem ungleichgewichtig. Den Guides der Agentur kommt hier eine zentrale Bedeutung zu.
Touristische Resourcen in unserem Projektgebiet
Der Ort Muang Ngoi liegt am Oberlauf des Nam Ou, inmitten einer malerischen Landschaft, geprägt von mehreren hundert Metern hohen Karstbergen, die zum Teil noch Primärwald aufweisen.

Die ideale Kulisse für Kajak-Touren...

...und Mittagspausen!
Das Dorf ist von Luang Prabang relativ einfach zu erreichen: Nach etwas über zwei Stunden Fahrt auf guter Straße steigt man in der Distrikthauptstadt Nong Khiaw auf ein öffentliches Boot um und ist nach einer weiteren Stunde Fahrt flussaufwärts am Ziel.
Abgesehen von der beeindruckenden Landschaft bietet Muang Ngoi dem Touristen einige Attraktionen: Neben zweistündigen Wanderungen bis zu mehrtägigen Trekkings mit Übernachtung bei Familien in Dörfern verschiedener Ethnien (homestays) umfasst das Angebot Kajakfahrten und Klettertouren zu idyllischen Wasserfällen.

Einige Urwaldflüsse harren noch der Erstbefahrung...

...und bieten manche Überraschung!

Wasserfallidylle im Regenwald

Herausforderung für Unerschrockene
Auch der historisch Interessierte kommt hier auf seine Kosten: Ganz in der Nähe lässt sich eine imposante Höhle besichtigen, in der das gesamte Dorf während des Amerikanischen Krieges (hierzulande „Vietnamkrieg") neun lange Jahre vor den täglichen Bombardierungen durch US-Kampfflugzeuge Schutz gefunden hatte.

Der Höhleneingang von außen...

...und von innen.
Muang Ngoi wird schon seit einigen Jahren als touristisches Ziel stark beworben und die Infrastruktur hat sich entsprechend den wachsenden Besucherzahlen entwickelt. Der Ort hat inzwischen über 20 Guesthouses unterschiedlicher Preiskategorien und mehrere Restaurants, die verstärkt ihre Menüs westlichen Vorlieben anpassen. French fries, Milkshakes und Cocktails sind hier ebenso zu haben wie Telefon und Internetverbindungen. Zwei Reiseagenturen bedienen die Nachfragen der überwiegend zur Backpacker-Kategorie zählenden Touristen.


Unter eben diesen Nachfragen nehmen solche nach Besuchen abgelegener Dörfer einen wachsenden Raum ein.
Unsere Partnerorganisation Laoyouthtravel ist eine der zwei Tourismusagenturen, die in der Region tätig sind. (www.laoyouthtravel.com) Ein Büro befindet sich in Vientiane, die "Nordabteilung" hat ihre Zentrale in Luang Prabang. Die Nam Ou Region wird bedient von Muang Ngoi, ein weiters Büro befindet sich in der Kreisstadt Nong Khiaw - einem strategisch wichtigen Punkt, weil hier die Straße den Fluss kreuzt.

In Nong Khiaw beginnt die straßenlose Region des oberen Nam Ou
Jeder weitere Verkehr in den touristisch interessanten Norden steigt hier auf Flussboote um und besucht als erstes Muang Ngoi. Aufgrund der großen Attraktivität dieses Ortes bleiben Besucher hier in der Regel einige Tage; in dieser Zeit informieren sie sich über weitere Freizeitmöglichkeiten und buchen diese.
Eigene Umfragen bei Touristen haben ergeben, dass nahezu alle bereit sind, für Trekkings zu abgelegenen Dörfern in Verbindung mit Unterstützung eines Hilfsprojekts einen erhöhten Reisepreis zu bezahlen: Eine gewisse Exklusivität und das Bewusstsein, „geholfen zu haben" mischen sich hierbei. Die zentrale Bedeutung von Bildung als „Entwicklungshilfe" und deren Nachhaltigkeit erscheint den Touristen dabei unmittelbar einleuchtend. (Quelle: Eigene Erhebungen)
Lao Youth Travel (LYT) hat nach entsprechenden Erprobungen im letzten Jahr verschiedene Trekkingtouren ins Programm genommen, auf denen jeweils auch „unsere" Schulen besucht werden. Die ersten Reaktionen (mittels Fragebögen erfasst) waren durchweg positiv; besonders betont wurde häufig die Bedeutung der Schule im jeweiligen Dorf auch bei den Eltern. Aus diesen Touristengruppen sind uns wiederholt Zuwendungen gemacht worden; ebenso kam es zu Vereinsbeitritten. Darüberhinaus fließt ein Anteil des Reisepreises unmittelbar in die Dorfgemeinschaftskasse.

Eine Gruppe Touristen und Träger auf dem Weg ins Dorf Houay Lor

Mit Unterstützung des DED (Deutscher Entwicklungsdienst) hat Lao Youth Travel im Dorf Houay Lor eine kleine Bungalowanlage errichtet. Die Bewirtschaftung erfolgt in Eigenregie durch das Dorf.
Allerdings hat sich auch herausgestellt, dass die Ausbildung der Guides zu wünschen übrig lässt - hier muss dringend nachqualifiziert werden. Neben mangelhaften Sprachkenntnissen in Englisch fällt auf, dass die Trekkingführer über die Eigenarten der besuchten Ethnien nur lückenhaft informiert sind. Abhilfe ist hier umso wichtiger, als dass die Guides die Hauptansprechpartner für die Touristen sind und die Einschätzung einer Tour maßgeblich von deren Qualitäten abhängig gemacht wird.
Perspektiven
Die oben beschriebenen Probleme liegen auf einer methodischen Ebene und lassen sich ebenso beheben (Trainings, Wissensvermittlung...).
Anders verhält es sich mit dem strukturellen Dilemma des Trekkingtourismus in Nordlaos: Die Touristen fördern mit eben ihrem Besuch eine Veränderung dessen, nach dem sie suchen - die „Ursprünglichkeit" verschwindet. In dem Maße, wie das Dorf Einnahmen durch Dienstleistungen für Touristengruppen erzielt, wird das Geld auch verwendet für Investitionen, die den Charakter des Dorfes verändern. Wurde gestern noch mehrmals täglich das Trinkwasser von der Quelle im Wald zu den Hütten getragen (jeder Tourist photographiert die „anmutig" daherschreitende Frau mit der Bambusstange über der Schulter!), übernimmt morgen eine Wasserleitung in Gestalt eines hellblauen Plastikrohrs diese Aufgabe.

Was so anmutig aussieht, ist Schwerarbeit!

Noch kommt das Wasser über eine Bambusleitung...
Touristen machen gerne Bilder von bambusgedeckten Hütten, durch deren Dächer malerisch der Rauch aufsteigt - die ersten Wellblechdächer im Dorf sollen am besten nicht aufs Bild kommen.
Die andere Seite: Zwei Eimer mit Wasser wiegen 20 kg, und das mehrmals täglich. Das Dach aus Bambusblätter ist nie ganz regendicht und muss jedes Jahr neu gedeckt werden - die Dorfbewohner definieren Entwicklung sehr konkret, für das Konzept der „Ursprünglichkeit" fehlt ihnen aus gutem Grund das Verständnis.
Daraus ergeben sich prinzipiell zwei Möglichkeiten. Die nahe liegende: Dem Dorf wird erklärt, warum die Touristen kommen und was sie suchen, den Bewohnern wird Geld bezahlt, damit sie ihre Ursprünglichkeit bewahren. So entstehen „Museumsdörfer", deren Bewohner ihre digitalen Armbanduhren abnehmen, wenn Touristen im Anmarsch sind und die ihre Dächer zuerst mit Wellblech decken und darauf dann eine Lage Bambusblätter legen - wegen der „Natürlichkeit". Wir lehnen diesen Ansatz ab.
Die zweite Möglichkeit mit dem Dilemma umzugehen, ist schwieriger.
Das Ziel der Tourismusagentur sind zufriedene Kunden: Nur solche empfehlen die Tour weiter, nur diese schreiben womöglich darüber in Reiseführern westlicher Länder. Zufrieden ist der Tourist dann, wenn seine Erwartungen erfüllt werden; enttäuschte Kunden sind ein wirtschaftliches Unglück. Es sind also die Erwartungen der Touristen, an denen anzusetzen ist, damit dieser Effekt gar nicht erst eintritt.
Wir haben in Zusammenarbeit mit Lao Youth Travel speziell für diesen Zweck eine Broschüre entwickelt, die sich gezielt an Touristen wendet, die eine Tour gebucht haben. Darin werden in komprimierter Form die wesentlichen Eigenarten der besuchten Ethnien beschrieben und konkrete Verhaltensregeln für den Aufenthalt in den Dörfern aufgeführt. Vorweg befasst sich das kleine Heft ausführlich mit der Problematik des Ursprünglichkeits-Dilemmas und beschreibt, welche Prozesse der Besucher mit seinem Aufenthalt in den Dörfern auslösen kann.
Wir setzen darauf, dass Touristen, denen die Hintergründe der hier skizzierten Dynamik verständlich gemacht werden, ihre Erwartungen entsprechend relativieren und Enttäuschungen verhindert werden - ob der solcherart „aufgeklärte" Besucher die Lösung des Dilemmas ist, bleibt abzuwarten. Das Konzept ist wegen der darin enthaltenen zahlreichen Variablen sehr fragil und der Verlauf schwer vorhersehbar. Neben einer ständigen Schulung der Guides und Einbeziehung der Dorfbevölkerung als Partner in alle Planungsprozesse werden wir die Entwicklung sehr aufmerksam beobachten und die Veränderungen evaluieren. Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Nicht einmal das...
Unser Vereinsmitglied Christopher Cooper, ein Wissenschaftler aus Australien, hat bereits erste Grundlagenforschungen in zweien "unserer" Dörfer in diesem Zusammenhang durchgeführt.
Hier sein Report:

