Die Bambusschule e.V.
Kopfbild - lernender Junge und lächelndes Mädchen
Bildung ist nicht alles - aber ohne Bildung ist alles nichts!

Reisebericht Mai 2008

Im April/Mai war ich drei Wochen in Laos unterwegs; wenn auch einige Zeit davon unter Fieber und geschwächt. Dennoch blieb genügend Raum für Eindrücke zu den bestehenden Projekten wie auch die Ziele für die nächste Zukunft abgesteckt werden konnten.
Die Reise begann diesmal akademisch: die National University of Laos in Vientiane hatte eingeladen zu einem Fachvortrag zum Thema „Tourism and development cooperation – chances and limits of a mutual relationship“.

Ausgerichtet hatte die Veranstaltung die japanisch-laotische Abteilung – das hätte zu denken geben sollen. Wochen vorher hatten den Vortragenden noch Zweifel umgetrieben, ob er zum eigenen Laptop nicht besser auch den Beamer mitbringen solle und gut gemeinte Ratschläge waren auch nicht besonders hilfreich („Auf jeden Fall ein extra langes Kabel mitnehmen , haben die da nie!“ „Vergiss bloß nicht eine Reservebirne für den Beamer, die gehen so schnell kaputt!“ „Was du brauchst, ist eine Presenter-Mouse!“)
Wie so oft, war die Realität ganz anders...

... Das Publikum setzte sich zusammen aus zahlreichen Studenten der Abteilung für Germanistik, deren Professor mich zuvor gebeten hatte, auf deutsch vorzutragen; rar seien hierzulande die Gelegenheiten, die Sprache Goethes aus dem Munde eines Landsmannes zu vernehmen. Später dann reklamierte der Direktor der japanischen Abteilung für seine Studenten den Vortrag in englischer Sprache, diese würde von den Söhnen und Töchtern Nippons verstanden. Einen Übersetzer ins Laotische würde man stellen, so sei jedem gedient (Laos ist eine Konsensus-Gesellschaft...) „Wes Brot ich esse, des Lied ich singe!“ – also Vortrag auf englisch, an mir sollte es nicht liegen!
Aber am Übersetzer! Dieser, ein überaus freundlicher Laote, hatte sein Studium (BWL) in Japan absolviert und dort lange gelebt. So lange, dass sein Laotisch etwas eingerostet schien (so hörte ich von anwesenden Laoten später). überdies hatte er vom Thema des Vortrags noch nie etwas gehört und war mit sämtlichen Fachausdrücken völlig überfordert.
Asiaten sind als Zuhörer nicht einfach: zwar hören sie aufmerksam zu und stören nie mit Stricken oder Häkeln; reden auch nicht mit den Nachbarn, aber man kann auch nicht erkennen, ob man sie erreicht. Zwischenfragen werden nicht gestellt (wäre ja unhöflich und das können Asiaten nicht) – keine Ahnung also, was da verstanden wird...

Das weiß ich bis heute nicht, aber einen eigenen Laptop schleppe ich so schnell nicht wieder mit in diese Uni! Nur gut, das Japaner auch für Spott zu höflich sind!

Als nächstes steht ein Treffen mit dem deutschen Botschafter auf dem Programm.
Herr Dr. Peter Wienand hatte sich bereits im vorausgegangenen Schriftwechsel als an unserem Verein sehr interessiert gezeigt und so verlief dieser „Antrittsbesuch“ auch eher als angeregte Fachdiskussion denn als strenge Formsache.

Dr. Wienand bekräftigt dabei, dass unser Ansatz auf Grundschulniveau genau die Bedarfslage im ländlichen Bereich trifft. Er rät uns darüber hinaus, auch die Lehrer zu unterstützen, weil diese sonst schnell bei der ersten Gelegenheit in größere Dörfer oder die nächste Stadt abwandern würden. (Wir haben diesem Sachverhalt in Ban Houay Lor bereits mit einer Bonuszahlung entsprochen und das Problem dort erst mal entschärft).
Doch was der Botschafter dann erwähnt, erschreckt mich: der Nam Ou soll für ein Wasserkraftwerk aufgestaut werden! Exzellenz belieben zu scherzen? Keineswegs, es ist wohl mehr als ein Gerücht, was da in Fachkreisen seit Monaten kursiert – bloß wann und wo, das weiß anscheinend niemand im Moment....
Der Botschafter bittet darum, auch weiterhin über unsere Arbeit auf dem Laufenden gehalten zu werden und sichert uns seine Unterstützung im möglichen Rahmen zu.
Das „German Lao House“ ist gleich um die Ecke und da liegt es nahe, auch dort einmal herein zu schauen. Hier, in der ehemaligen Residenz der deutschen Botschaft, sind jetzt die Vertreter der deutschen Entwicklungshilfe untergebracht –„EZ unter einem Dach“ ist das neue Motto im Hause Wieczorek-Zeul - und ich habe Gelegenheit, mit dem Landesdirektor des DED zu sprechen.
Wolfgang Schunke ist ein alter Hase im Geschäft der professionellen Entwicklungshilfe und ein ausgemachter Pragmatiker. Auch er ist schon informiert über unseren Verein und vertritt die gleiche Einstellung wie der Botschafter: solide Schulen auf Graswurzel-Ebene und die Lehrer bei der Stange halten. Und auch er sagt beim Abschied zu, uns im Rahmen des Machbaren helfen zu wollen.

Die Pflicht des Tages hinter uns gebracht, gehen Singsamouth, Say und ich jetzt den Feierabend an. Das geht in Laos nicht ohne Essen und dazu fahren wir zunächst auf einen Markt der besonderen Art: Insekten sind hier der Renner! Ob Grillen, Käfer, Ameisen und deren Eier, Heuschrecken, Larven aller Art – hier gibt es alles, was ein laotischer Genussmensch begehrt. Unsereins wäre völlig überfordert, bei diesem Angebot eine Entscheidung zu treffen, aber Connaisseurs wie Say und Mouth wissen genau was sie wollen: „Diese Zikaden kannst du nicht nehmen, viel zu trocken“! Zielsicher füllen die beiden Tüten mit sechsbeinigem Knusperzeug und lassen mich jeweils probieren – mal was ganz Anderes!



Zuhause bei Singsamouth treffen wir dann noch auf einen alten Studienfreund von Mouth aus der Zeit in Jena. Der Mann hat dort Medizin studiert, längst aber alles vergessen, wie er sagt. Kein Wunder: er hat nie als Arzt gearbeitet, sondern wechselte nach seiner Rückkehr nach Laos ins Touristikfach und ist seit Jahren Reiseleiter, vorwiegend für deutsche Kunden. In diesem Job verdiene er das Vielfache von dem, was ein laotischer Arzt bekommt – irgendetwas stimmt da nicht...

Jetzt aber aufs Land! Das erste Mal fahre ich den Nam Ou flussaufwärts in unser Zielgebiet. Das kostet die Bootsführer deutlich mehr Sprit, ist aber einfacher. Das Boot muss, damit es steuerbar bleibt, schneller sein als die Strömung, sonst steht nicht genügend Druck auf dem Ruderblatt. Geht es flussabwärts, heißt das vor allem in den Stromschnellen, dass der Kapitän oft rasant beschleunigen muss, um manövrierfähig zu bleiben – für Kurskorrekturen ist da keine Zeit. Gegen die Strömung kann sich der Kapitän beliebig langsam den kritischen Stellen nähern, um genau den optimalen Weg zu finden.
Der erste Halt ist natürlich Muang Ngoi, Singsamouths und Says Heimatdorf. Hier wird weiterhin an neuen Gästehäusern gezimmert und gesägt; inzwischen sieht auch Mouth den Sättigungswert überschritten und befürchtet in Zukunft ein böses Erwachen, wenn die Backpacker ausbleiben, weil das Dorf seinen Charakter verliert. Hier lässt sich studieren, wie man es nicht machen sollte...

Am nächste Tag weiter nach Hatsa, zur Baustelle unseres Wohnheims. Drei Arbeiter, einer von ihnen mit Erfahrung im Guesthouse-Bau in Muang Ngoi, werkeln hier unter verschärften Bedingungen. Die Baustelle liegt etwa 12m oberhalb des Flussniveaus und alles Material muss auf schmalen Wegen über 200m weit herangeschleppt werden. Die Zementsäcke stapeln sich unter einer Plane, Bewehrungseisen gleich daneben und für den Kies – aus dem Nam Ou – haben sich die Leute aus den Dörfern der Gegend zu einem Arbeitseinsatz zusammengeschlossen. Natürlich gibt es keine Mischmaschine, der Beton wird in einer Erdgrube mit der Schaufel gemischt und dann Eimer für Eimer in die Schalungen gegossen.

So entstehen Säulen und Träger, weitgehend in einem Arbeitsgang, um bessere Verbindungen zu erzielen. Werkzeuge: Hammer, Zange, Säge, Schaufel. Laser-Wasserwaage? Fehlanzeige, eine Schlauchwaage muss reichen und für die Senkrechten reicht das gute alte Handlot.
Singsamouth hat den Arbeitern einen chinesischen Pavillon spendiert, darunter wohnen sie für die Zeit der Bauarbeiten.

Die „Küche“ ist direkt unter dem gewaltigen Mangobaum eingerichtet und besteht aus einem Bambusregal mit Wok und einigen Gewürzen sowie einer angebundenen Ente. Für das Abendessen.

Bis zur Regenzeit sei der Rohbau fertig und das Wellblechdach installiert, sagt man mir – für das mitgebrachte Sponsoren- Schild der Erich Kästner Grundschule aus Hollage ist es jedenfalls noch etwas zu früh...
Ich übernachte wieder bei meiner Gastfamilie vom Vorjahr und löse große Begeisterung aus, als ich die versprochenen Turnschuhe abliefere und einige Photos verteile. Alles verstehe ich nicht, aber es klingt so, als sei ich jetzt adoptiert.

Nachts regnet es heftig, es prasselt nur so auf das Wellblechdach und ich denke an Mouth und Say in ihrem Zelt bei der Baustelle...

Ban Houay Si heißt am nächste Tag unser Ziel und ist ein Khmu-Dorf auf derselben Flussseite wie Hatsa, drei Stunden entfernt. Der Bürgermeister hatte beim Distrikt Geld für ein Wellblechdach für die Dorfschule beantragt, dann nichts mehr gehört und sich schließlich an Singsamouth gewendet. Wir wollen uns jetzt das Dorf ansehen und die Verhältnisse an Ort und Stelle prüfen. Der Weg dorthin führt nur die erste Stunde steil bergan, danach wird es eine angenehme Wanderung durch schattigen Urwald – abgesehen von Mengen von Blutegeln. Als hätte sich unser Kommen herumgesprochen, lauern sie bei jedem Schritt steil aufgerichtet und nach Warmblütern gierend auf eine Gelegenheit, am Schuh anzudocken und sich ihren Weg zur nächsten Zapfstelle zu suchen. Da hilft nur ständige Kontrolle und gekonntes Wegschnippen der Sauger, die es doch irgendwie geschafft haben. Say schwört auf Waschpulver als Gefahrenabwehr und reibt damit deine Schuhe ein und es hilft tatsächlich – etwas. Wir fragen uns, wovon die Egel leben, wenn wir gerade nicht unterwegs sind...
Kurz vor dem Dorf liegt die Schule, um die es geht. Solide aus Holz und Bambus gebaut, würde sie sicherlich noch einige Jahre und Regenzeiten überdauern – wenn das Dach dicht wäre. Der Boden besteht aus gestampftem Lehm, betonhart, solange er trocken bleibt, aber bei Regen tropft es durch das Bambusdach und die Kinder waten durch Schlamm! Keine Frage, das Wellblech ist hier mehr als angebracht!


Ban Houay Si liegt wie viele Khmu-Dörfer auf einem Hügel und bietet eine tolle Sicht über die Wälder. Wir werden freundlich eingeladen in das Haus des örtlichen Parteivertreters und erst mal mit Tee bewirtet. Unsere Anwesenheit („Farang! Farang!“) spricht sich schnell herum und der Raum füllt sich mit Besuchern. Im Halbkreis sitzen sie uns gegenüber, Kinder und Frauen hauptsächlich, und hören aufmerksam zu, was hier verhandelt wird.

Interessantes kommt heraus: das Dorf hatte tatsächlich nur das Wellblech beantragt, etwa 600 Euro hätte das gekostet – die Distriktverwaltung hatte gegenüber Singsamouth von einem vielfach höheren Preis gesprochen! Wir können nur spekulieren, wo sich da ein Bermuda-Loch aufgetan hätte! So jedenfalls kommen wir schnell zu einer Regelung: wir kaufen das Wellblech und die Männer des Dorfes holen es in Hatsa ab und verbauen es – alle sind zufrieden.
Für den Abend sind wir eingeladen auf ein Fest in einem kleinen Nachbardorf, „nur kurz um die Ecke!“ wie der Bürgermeister sagt. Diese kurzen Ecken kenne ich schon und es wird dann auch ein Fußmarsch von einer knappen Stunde, erst wieder absteigen, dann wieder hoch... Ich denke laut darüber nach, wie sich wohl dieser Rückweg in völliger Dunkelheit gestalten wird und Mouth ergänzt fröhlich: „Und im betrunkenen Zustand!“


Das Nachbardorf besteht aus nur wenigen Hütten und steht völlig im Zeichen des Festes, einer Art Sechs-Wochen-Seelenamt für einen Verstorbenen. Jedenfalls mussten ein Wasserbüffel, zwei Schweine und zahlreiche Hühner ihr Leben lassen; überall wird noch gegrillt, gekocht und gehackt, Unmengen von Chilis werden verarbeitet und Berge von Reis ausgeteilt.

Das ganze Dorf sitzt schließlich vor Bananenblättern auf dem Boden und alle greifen kräftig zu. Hinuntergespült wird jeder zweite Bissen mit LaoLao, dem selbst gebrannten Reisschnaps, der aus dem Dorfgemeinschaftsglas freigiebig ausgeschenkt wird. Ich kenne das schon, auch, dass ich als „der Weiße“ so eine Art Ehrengast bin, dem ein Bänkchen untergeschoben wird, damit er höher sitzt – eine eher unangenehme Position, aber wenn es die Sitte so will...
Der Inhalt der meisten Schüsseln ist mir völlig fremd und ich frage auch besser nicht – es schmeckt jedenfalls alles gut! Dann bekomme ich eine Schale mit knallroten Würfeln einer gallertartigen Masse gereicht und alle sehen mich erwartungsvoll an. Vielleicht so etwas wie eine Hostie? Besser nicht ablehnen! Die roten Würfel schmecken irgendwie metallisch, ein bisschen nach Eisen. „Das isst du??“ fragt Singsamouth mich, „Das ist doch frisches Schweineblut!“ Wo ist der Mann mit dem Reisschnaps??

Inzwischen funktioniert auch die Musikanlage: zwei mannshohe Lautsprecher beschallen die Szene mit Lao-Pop, im Hintergrund dieselt der Generator dazu und der Schnaps zeigt seine Wirkung in Form einer allgemeinen chaotischen Auflösung. Mehrfach muss ich noch mit Vertretern des Gemeinderates anstoßen, Bier gibt es nicht, alles geschieht mit Schnaps aus dem einen Wasserglas...
An den Rückweg erinnere ich mich nicht mehr so genau, weiß nur noch, das mir Ti, die Tochter meines Gastgebers fürsorglich das Moskitonetz neben ihrem aufgespannt hat und ich vorsorglich eine Aspirin mit Kräutertee einnahm.

Am Morgen regnet es anhaltend, Say nutzt die Zeit, um mit den Frauen in der Küche zu kochen und zu flirten; in beiden Disziplinen ist er anerkannter Meister.

Zum verspäteten Frühstück gibt es Reis mit Chilisauce und Gemüse, für mich zusätzlich eine Nudelsuppe. Da es immer noch regnet, nutzt unser Gastgeber die Zeit für eine Demonstration: eine Frau wird einem Schnelltest auf Malaria unterzogen. Diese Sets werden in Indien hergestellt und über die Distriktverwaltungen verteilt. Unser Gastgeber hat eine Schulung bekommen und er führt den Test sehr souverän durch: Blut aus der Fingerkuppe wird mit einer Chemikalie versetzt und nach 15 Minuten kann das Ergebnis abgelesen werden, ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest. In den meisten Fällen ist es negativ; in diesem Dorf gab es bisher erst zwei auf diese Art nachgewiesene Fälle von Malaria.

Endlich machen wir uns auf den Weg, der nach all dem Regen jetzt aufgeweicht und glitschig ist. Ti gibt uns noch ein besonderes Mittel gegen Blutegel mit: eine Mischung aus Kalk und Tabak, mit Wasser zu einer Paste verrührt, wird mit einem Lappen auf die Schuhe geschmiert. Ob es nun der Kalk oder das Nikotin ist – jedenfalls schaffen es nur noch wenige Egel bis über die Schuhe und der Rückweg durch den vor Feuchtigkeit dampfenden Wald hat einen Schrecken verloren. Ich brauche mich jetzt nur noch darauf zu konzentrieren, nicht andauernd auszurutschen....


Zurück in Hatsa besprechen wir noch die nächsten Bestellungen für Material, es fehlt noch Eisen und Zement, die Arbeiter haben einige Tage Zwangspause, schließlich muss alles aus Nong Khiaw per Boot hochgebracht werden.

Wir fahren flussabwärts und erreichen nach anderthalb Stunden das Dorf Ban Phonsanah. Hier leben auch Khmu, diesmal nur kurz oberhalb des Flusses. Es ist schon später Nachmittag und die Kinder des Dorfes kommen von ihren Fischzügen zurück. Das machen sie täglich und tragen so zur Ernährung der Familie bei, mit seit Jahren abnehmenden Erträgen. Der Nam Ou wird stärker befischt, als er verkraften kann, zunehmend wird Fisch verkauft nach Nong Khiaw und sogar bis Luang Prabang. Erst vereinzelt werden Abschnitte zeitweise geschützt, das entsprechende Bewusstsein lässt sich nur schwer erzeugen.
Da es schon spät ist, schlagen wir unsere Zelte am Fluss auf. Vor ein paar Tagen war hier Markt und die Plattformen aus Bambus, auf denen chinesische Kleidung und Gemüse auf Käufer warteten, tragen jetzt unsere Zelte. Wie immer wird jeder unserer Handgriffe aufmerksam von zahllosen Kinderaugen verfolgt; anders als bei den Hmong rauchen hier schon Zehnjährige...



Am nächste Morgen frühstücken wir im Haus eines Dorfältesten. Unser Kommen war angekündigt, schließlich wollen wir hier vielleicht die nächste Schule bauen. Die meisten Dorfbewohner sind längst auf den „Feldern“, es ist die Zeit der Trockenreissaat.Wir machen uns auf den langen Weg nach Ban Houay Lor, von hier aus dauert es zwar 6 Stunden, ist aber längst nicht so steil wie der Anstieg von Hatsa. Wir durchqueren ausgedehnte Flächen mit frischer Brandrodung, sehen auch die Leute aus Ban Phonsanah bei der Arbeit: die Männer machen mit Stöcken kleine Löcher in die Erde, die Frauen legen dann einige Reiskörner hinein – den Rest besorgt der Regen. Wegen der Asche ist alles schwarz, die Landschaft hat etwas Düsteres und auch die Menschen sehen aus wie Köhler aus vergangenen Zeiten. Ab 2010 soll Brandrodung in Laos offiziell verboten sein; was die Menschen stattdessen ernähren soll, wurde noch nicht beschlossen...


Wir erreichen endlich wieder Wald und die Atmosphäre ändert sich schlagartig – grün steht hier für Leben, auch wenn darin Spinnen krabbeln!
Say der Fürsorgliche hat für den Mittag etwas zu Essen eingepackt, es gibt Reis und Thunfisch aus der Dose; für den anschließenden Kaffee wird Wasser im Bambusrohr gekocht.

Singsamouth fängt eine Mücke und zeigt mir, woran man erkennt, dass es sich um eine der Sorte Anopheles handelt – einmal Biologe, immer Biologe!
Nach über vier Stunden stetigen Anstiegs stoßen wir schließlich auf den bekannten Weg von Hatsa und wissen: ab jetzt ist es ein Spaziergang!
Der erste Blick auf „unser“ Dorf, immerhin noch fast eine Stunde entfernt, hat inzwischen etwas Vertrautes, wir wissen, was uns dort erwartet und dass wir freundlich aufgenommen werden. Alle scheinen sich zu freuen, sicher auch, weil sie wissen, dass es wieder Photos von ihnen gibt und weil jeder Besuch eine Abwechslung im Alltag ist. Zur Begrüßung reicht uns ein Mädchen frische Passionsfrüchte, die sie gerade im Wald gesammelt hatte – süßsauer und sehr saftig sind sie jetzt genau das Richtige! Ich schaffe über 20 Stück davon, dann meint Mouth, sie wären wohl noch nicht ganz reif...
Der Bürgermeister führt uns zur Schule und zeigt uns stolz die neueste Entwicklung: sie haben den gesamten Schulhof mit einem Bambuszaun eingefriedet, so dass er nicht von Schweinen, Büffeln und Kühen bevölkert wird und zwei Blumenbeete wurden angelegt. Unmittelbar vor der Schule ragt ein Fahnenmast mit der laotischen Flagge auf – wie vorgeschrieben. An der Schule ist alles tiptop in Ordnung, kein loses Brett zu erkennen. Wir erfahren, dass die drei Klassen mit insgesamt 73 Kindern bis auf den letzten Platz besetzt sind, etwa drei Viertel der Kinder kommen aus dem benachbarten Khmu—Dorf Ban Khong Muan.



Dieses Dorf ist jetzt auch unser nächstes Ziel, dort wollen wir übernachten und mit dem Bürgermeister über „Homestay“ sprechen. Der Weg dorthin bringt eine Überraschung: bislang ein schmaler und streckenweise recht abenteuerlicher Pfad durch herrlichen Primärwald, hat er eine Metamorphose erfahren: Wir wandern jetzt über einen gut ausgebauten und befestigten Weg, der ohne weiteres mit dem Moped befahrbar wäre! Die Bewohner beider Dörfer hatten sich zu einem Arbeitseinsatz verabredet und mit einfachsten Werkzeugen vier Kilometer Weg in diesen Zustand versetzt. An einem einzigen Tag! Wir merken einmal mehr, wie ernst hier die Sache mit der Schule genommen wird und zeigen uns beeindruckt.

Im Khmu-Dorf angekommen, bin ich wieder hin und weg von der grandiosen Aussicht (die hier außer mir keiner bemerkt), aber auch ziemlich erledigt . Man ist schließlich keine 50 mehr. „Gehen wir duschen!“ meint Singsamouth und jetzt offenbart sich ein großer Nachteil aller Khmu-Dörfer: die Wasserstelle befindet sich immer außerhalb des Dorfes, an einem Bach. Dieses Dorf liegt wieder auf einem Hügel - wo fließen Bäche? Genau, unten im Tal! Also wieder absteigen auf rutschigen, steilen Wegen und nach der Zeremonie auch wieder hoch...
Ein großer Vorteil aller Khmu-Dörfer ist dagegen die Beziehung zum Alkohol. Gebrannt und gebraut werden Schnaps und Reisbier, aber diese Dorf hat auch Beer Lao! Von Hatsa hoch getragen kostet die Flasche hier 5000 Kip mehr als unten am Fluss und das ist mehr als recht und billig! Wir stimulieren an diesem Abend jedenfalls nachhaltig die lokale Ökonomie.

Unsere Idee, gemeindegestützten Ökotourismus einzuführen, trifft auch in diesem Dorf auf offene Ohren, schließlich kann man damit Bargeld einnehmen. Wir kommen über eine grundsätzliche Anfrage aber an dieser Stelle nicht hinaus, der Sachverhalt ist ziemlich komplex und soll ausführlich im Gemeinderat erörtert werden. Wir sagen, dass wir im August noch einmal auf dieses Thema zurückkommen werden. Es kommt darauf an, den Dörfern genau verständlich zu machen, was dergleichen bedeutet und dass sie dabei die Hauptakteure sind und über viele Punkte maßgeblich entscheiden müssen. In dieser Nacht schlafe ich jedenfalls schon mal sehr gut im „Homestay“.

Den nächsten Tag verbringen wir in BanHouay Lor. Say repariert den Motor des dorfeigenen Generators und ich erfahre, dass er früher dieses berufsmäßig ausgeübt hat und gegen Naturalien im Tausch als Wandermechaniker über die Dörfer gezogen ist. Davor hatte er mit Singsamouth zusammen eine Reparaturwerkstatt für Mopeds in Vientiane - ich kenne die beiden seit sieben Jahren, aber davon hatten sie noch nie erzählt!

Es ist angenehm, kein „Programm“ zu haben und sich einfach Zeit nehmen zu können für die Beobachtung des ganz normalen Alltags im Dorf. Ich erheitere wieder mal die Bevölkerung, als ich für meine Gastfamilie zwei Eimer Wasser von der Wasserstelle hole, an federnder Bambusstange über einer Schulter. Schon beim ersten Schritt schwappt ein guter Liter in meinen Schuh und ich höre verhaltenes Kichern von den Frauen hinter mir. Ich konzentriere mich darauf, die Schultern beim Gehen auf einer Höhe zu halten, dann geht es einigermaßen. Sollte das das Geheimnis für den anmutigen Gang der Asiaten sein? Aber dann kommt der Moment der Wahrheit: Ich muss diesen verdammten Holzzaun übersteigen, auf einer Art Leiter aus Knüppeln! Nie habe ich bei den Dorfbewohnern gesehen, dass dabei jemand seinen Schritt auch nur verlangsamt hätte, geschweige denn sich festgehalten! Ohne Wassereimer kann ich das inzwischen auch ganz gut, aber jetzt herrschen verschärfte Bedingungen und ich fühle förmlich die Blicke im Rücken...Was solls, entweder es klappt komplett und formvollendet, oder ich falle mitsamt 20 Litern Wasser in die Kuhscheiße! ES KLAPPT! Absolut cool trage ich das Wasser in die Hütte und setze die beiden Eimer beiläufig in der Küchenecke ab, übersehe dabei einen kleinen Hund und hätte um Haaresbreite eine Riesenschweinerei angerichtet! Was ist das Gegenteil von gut? Gut gemeint!
Die Frauen des Hauses lächeln zaghaft – ob sie mich für völlig bescheuert halten oder für einen ganz tollen Kerl, geht daraus nicht hervor...


Schon seit Stunden ist ein Glockenklingeln zu hören und zwischendurch immer wieder ein Gong. Ich gehe dem nach und erfahre, dass ein Schamane in einer Hütte eine Heilungszeremonie durchführt. Über der Eingangstür ist das entsprechende Tabu-Zeichen angebracht, so eine Art von „Behandlung – Kein Eintritt!“ Die Tür steht weit auf und ich kann trotz respektvollen Abstands erkennen, dass der Schamane, ganz offenkundig im Zustand einer handfesten Trance, das Krankenlager tanzend umkreist. In einer Hand hält er die besagte Glocke , mit der anderen schlägt er von Zeit zu Zeit den Gong an. Dabei murmelt er nach Schamanenart unverständliche Laute und macht in unregelmäßigen Abständen ruckartige Bewegungen mit dem Kopf. Plötzlich hält er inne und setzt eine Flasche an den Mund. Aha, denke ich, die spirituelle Bedeutung des Alkohols! Ganz falsch! Der Mann ergreift ein glühendes Holzscheit aus der Feuerstelle und ehe ich es richtig mitbekomme, füllt ein großer Feuerball die ganze HOLZhütte! In kurzen Abständen spuckt er noch mehrmals Feuer, das letzte mal in Richtung auf die offene Tür. Ich solle das nicht persönlich nehmen, meint Singsamouth, der dazu gekommen ist, das geschehe zur Abwehr böser Geister und gelte nicht mir. Woher der Schamane den hochprozentigen Alkohol hat, will ich wissen. „Alkohohl? Das ist Benzin!“ Respekt, Herr Kollege, so weit würde unsereins denn doch nicht gehen...


Animismus verträgt sich sehr gut mit Schamanismus und ist nach wie vor sehr lebendig bei den Hmong im Hinterland. Der neue Bürgermeister sagt uns, er sei auch ein Schamane und in der Eigenschaft ein völlig anderer Mensch."Eigentlich bin ich ganz anders, ich kommenur selten dazu..." Er ist ganz offen in diesen Dingen, hat aber im Moment keine Zeit. Ich nehme mir vor, bei nächster Gelegenheit über diesen Bereich mehr in Erfahrung zu bringen, merke aber auch, dass hier eine Grenze verläuft: So etwas wie diese Heilzeremonie sollte für fremde Besucher Tabu bleiben. Ich nehme mir vor, das in den Katalog für Schulungen zukünftiger Guides unbedingt mit aufzunehmen. Genau so wichtig wird es aber sein, die Hmong darin zu bestärken, ihre eigenen Grenzen ernst zu nehmen und nicht aus freundlichem Entgegenkommen falsche Zugeständnisse zu machen...

Am Nachmittag besuchen wir die beiden Lehrer. Das Dorf hat ihnen am Rande des Sportplatzes eine Hütte gebaut, hier teilen sich die Männer Küche und Wohn-Schlafzimmer. Immerhin haben sie auch Moskitonetze, noch längst keine Selbstverständlichkeit in den Dörfern. Wie es ihnen denn so gefalle in Ban Houay Lor? Ich weiß inzwischen, dass auf derart direkte europäische Fragen keine oder nur höfliche Antworten zu erwarten sind, nur im längeren Gespräch mit Mouth erfährt der dann, dass die Dorfbewohner sehr freundlich zu den Lehrern seien und sie auch großzügig mit Nahrungsmitteln unterstützen. Das sei auch nötig, denn ein Gehalt hätten sie seit drei Monaten nicht gesehen! Wir sind empört, schließlich war mit der Schulverwaltung vereinbart, dass wir zwar ein Gehalt übernehmen, der andere Lehrer aber vom Distrikt bezahlt wird. Wir sichern zu, das zu klären und lassen sofort einen Betrag für den Übergang dar. Die Männer sind sichtlich erleichtert und betonen noch mal, dass sie gerne in der neuen Schule arbeiten würden und mit den Kindern keinerlei Probleme hätten.
Anschließend sehen wir noch bei einem Spiel Fußballtennis zu, diesmal spielt auch Say mit - endlich gibt es mal etwas, worin er nicht Meister ist!
Abendessen ist beim Bürgermeister, wo ich auch später mein „Bett“ gerichtet bekomme. Die Lagerstatt ist satte 1,70m lang und das als Matratze fungierende Brett auch überhaupt nicht durchgelegen, dafür scheinen die Decken alte Erbstücke zu sein, mit entsprechender Patina... Das Moskitonetz hat an einer Seite Löcher, durch die mühelos ein ausgewachsenes Huhn passen würde. Ich verstopfe sie notdürftig mit den erwähnten Decken und denke zwanghaft an die Riesenspinne, die Say eben noch mit seiner Schleuder auf meinen Wunsch hin zerschossen hat...

Um sieben ist es dunkel, um acht Uhr liege ich flach und kann natürlich nicht schlafen. Wie auch, bei dem Betrieb? Die Frauen des Hauses rennen ständig in die „Küche“, klappern mit irgendwelchen Töpfen, beruhigen weinende Kinder (oder eher nicht), aus tiefen Männerkehlen im Hintergrund löst sich geräuschvoll festsitzender Husten und unter meinem Lager kämpfen mindestens vier Hunde um den besten Platz. Das ganze vollzieht sich nicht etwa im Schutze der Dunkelheit, nein, unter der Decke der Hütte brennt der Stolz der Familie: eine Sparbirne (chinesisch)! Die ganze Nacht. Man hat schließlich eine Autobatterie, die über den Generator geladen wird.

Wann die Nacht beendet ist, entscheiden in laotischen Bergdörfern die Hähne. Hier tun sie das gegen 04.00Uhr und ab dann ist das Dorf übergangslos aktiviert. „Hast du gut geschlafen?“ fragt mich Singsamouth und ich antworte asiatisch nur mit einem Lächeln . Zum Frühstück das übliche Ritual: Frauen kommen mit ihren Kindern in Festtracht für ein Photo. Ich lasse verkünden, dass sich bitte nur noch diejenigen melden sollen, die noch keine Bilder haben, das verkürzt die Prozedur erheblich. Ban Houay Lor dürfte inzwischen das am besten durchphotographierte Dorf in Laos sein...

Der Abschied ist wie stets unsentimental, erstens ist das eben so Sitte, zweitens sind wir ja im August schon wieder hier.
Der Rückweg über die Steilroute nach Hatsa wurde schon hinlänglich beschrieben und wird auch durch Wiederholungen nicht einfacher; diesmal schaffen wir ihn in zweieinhalb Stunden und mit wenigen Stürzen.

Da in Hatsa alles schon besprochen wurde und inzwischen auch das fehlende Material eingetroffen ist, fahren wir gleich nach dem Bad im Nam Ou weiter flussabwärts nach Ban Phonsanah. Es setzt leichter Regen ein und als wir eintreffen, tragen die Dorfbewohner Gummistiefel – das Dorf steht auf Lehmboden.

Jetzt erweist sich die Bauweise der Khmu als Vorteil: Der Wohnraum liegt im ersten Stock auf Pfählen, darunter sind Lagerraum Küche. Also laufen keine Hunde und kleine Kinder mit Lehmpfoten über den Teppich bzw. die Bambusmatten!
Die Gemeindeältesten finden sich ein und wir diskutieren die Schulbaufrage.

Das Dorf hat seit zehn Jahren bei der Distriktverwaltung eine Schule beantragt und nichts ist passiert. Die Kinder werden in einer echten „Bambusschule“ unterrichtet, die viel zu klein ist und jedes Jahr neu gebaut werden muss. Die Größe und zentrale Lage des Dorfes rechtfertigt eine sechsklassige Schule und anscheinend ist dafür kein Geld vorhanden beim Schulamt. Wir fragen, was die Leute sich vorstellen. Die Antwort kommt sofort: So eine Schule wie in Ban Houay Lor möchten sie, nur entsprechend größer. Sie bitten nur um Geld für das Material, die Arbeiten wollen sie selber ausführen. Die stattlichen Holzhäuser in diesem Dorf lassen erkennen, dass die Männer ihre Fähigkeiten damit auch nicht überschätzen.

Wir drei besprechen uns kurz und machen dann den Vorschlag, zunächst eine Zeichnung der Schule anfertigen zu lassen und beim Distrikt die Baugenehmigung einzuholen. Dann soll Say das Material Bauabschnitt für Bauabschnitt beschaffen und zum Dorf transportieren lassen, alles Weitere liegt dann in der Hand des Dorfes. Der Gemeinderat ist sehr zufrieden mit dieser Regelung und wir beschließen die Unterredung mit einigen LaoLao.

Mir ist seit einiger Zeit schon nicht mehr ganz gut und bei der Weiterfahrt bekomme ich dann auch noch Fieber, die weiteren Details möchte ich keinem zumuten...
Da kein Schamane in Reichweite ist, wird das Programm hier ausgesetzt und Mouth organisiert einen raschen Transport nach Luang Prabang. Die nächsten Tage verbringe ich in stark reduziertem Zustand mit zum Teil eindrucksvollen Phantasien und abwechselnd kalten und heißen Gefühlen...Malaria soll es nicht sein, alles weitere muss warten bis Bangkok!